Wie an jedem Montagmorgen trete ich auch heute meinen Gang durch die wunderbare Welt der bucerianischen Anglizismen vom Moot Court zum Freshlinks Brucklaters Lutz lecture room an, schaue in der Pause kurz nach meinen Mails im Gleiss Heringer IT center, um mir in am Mittag „mixed salad leaves with fetta cheese, olives and peppers served with ciabatta“ im food court zu bestellen. Während ich meine Bucerius Card an der Charging Station auflade, damit ich mein so wunderbar übersetztes Menü (und danach vielleicht einen Kaffee in der StarBuc’s Café-Lounge) auch bezahlen kann, stelle ich mir die immer wiederkehrende Frage, warum um Himmels Willen die Hochschulleitung beschlossen hat, dass ich nicht in einer ganz normalen Mensa einen ganz normalen Salat essen darf und warum wir in einem „Bucerius Center for Graduate Studies – Deutsche Bank Hall“ lernen dürfen, statt in einem einfachen Bibliotheksgebäude.
Ihr Leitbild, eine Universität von „besonderer Schnelligkeit sowie starker internationaler und praxisorientierter Ausrichtung“ zu sein, haben die verantwortlichen Herren (und Damen) bei der Gestaltung unserer Hochschule jedenfalls nicht verfehlt. International Office, Facility Management, Wine Society und Bucerius Executive Education tragen zugegebenermaßen ihren Teil dazu bei, dass sich auch die Auslandsstudenten bei uns orientieren können. Doch muss die Hausmeistercrew aus dem selben Grund wirklich Facility Management heißen? Zweisprachigkeit: ja, Englische Ausdrücke, um den Anschein der Modernität zu wecken: nein danke.
Ich will mit Sicherheit nicht über einen Verfall der Deutschen Sprache weinen und ein Verbot der Anglizismen an unserer Hochschule predigen, denn rein namenstechnisch würde die „Film-Gesellschaft“ ebenso wie der „Warenhandel mit Jura-Schul-Produkten“ arg darunter zu leiden haben. Dennoch: internationale Ausrichtung hin oder her, mir scheint das Gehabe um die englische Sprache ein wenig übertrieben. In vielen Fällen verfolgt die Anglisierung nämlich nur einen Zweck – das künstliche Aufplustern ganz simpler Sachen.
Wenn man diesen Trend ein wenig eindämmen könnte, dann könnte ich demnächst einen einfachen Kaffee in einer ganz normalen Cafeteria trinken. Oder Ersti-Eltern, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, könnten auf der nächsten akademischen Feier vielleicht sogar einige der weisen Worte verstehen, die die Redner ihren Sprösslingen mit auf den Weg geben.
Katharina Mohr
19.11.07 at 13:27
Du hast vergessen, dass wunderbar-funktionierende Free-Flow-Action-System zu erwähnen.
Ich brauch jetzt erst mal ne Melone-to-go…to-eat gibts ja nicht mehr.
19.11.07 at 16:05
Hmmm. Was findet sich denn da auf der BucBlog Startseite…: „buc.blog is not afiliated with, or sponsored or endorsed by Bucerius Law School gGmbH, ZEIT-Stiftung Evelin und Gerd Bucerius or any other BLS entity including Politik und Gesellschaft, and any reference to the third parties mentioned above is solely for the general information and convenience of the readers of buc.blog.“
Eine deutsche Beschreibung konnte ich nicht entdecken…
20.11.07 at 0:11
StarBuc’s ist originell, war außerdem auch einmal Gegenstand der Vollversammlung – Empörung oder Widerspruch gab es nicht. Was man der Hochschulleitung mit Sicherheit nicht vorwerfen kann, ist, dass sie kein offenes Ohr für Verbesserungsvorschläge hätte. Das nächste Mal sollten diese Worte vielleicht in einem persönlichen Gespräch mit den Betroffenen fallen und nicht in einem Blog erscheinen – denn das ändert nichts und wirkt höchstens ein wenig kindisch. Oder es sollte in einer Vollversammlung zur Sprache gebracht werden. Wir sind eigentlich ganz demokratisch. Selbst solche Dinge würden Gehör finden.
Dass Sponsoren, die der Hochschule jedes Jahr sechsstellige Beträge zufließen lassen, bei der Namensgebung von Hörsälen berücksichtigt werden oder gar mitentscheiden dürfen, ist wohl angemessen. Diese Sponsoren vermitteln im Übrigen garantierte, nett bezahlte Praktikumsplätze, an die viele andere nicht herankommen und von denen auch die Autorin bald profitieren dürfte. Dass einem Juraneuling oder einem Elternteil „Freshfields“ oder „Clifford Chance“ keine Begriffe sind, ist verständlich – aber schließlich kann der Mensch sich weiterbilden, nicht wahr?
Die Cafeteriamenüs gibt es in jedem Herbsttrimester in englischer Sprache aus Rücksichtnahme auf die Internationals; das kann man sich aber auch denken.
Die Wine oder Movie Society sind auf Studentenmist gewachsen und die Namensgebung des International Office ist doch irgendwie recht passend. Bleibt das Facility Management – albern, in Ordnung, geschenkt.
Im Übrigen noch eine Belehrung: Das alles sind keine Anglizismen. Anglizismen sind was anderes.
20.11.07 at 0:22
H. hat Recht!
20.11.07 at 14:50
Danke H. – irgendwer muss es ja sagen.
Liebe Katharina, immer mit der Ruhe. Wie wäre es, wenn Du Dir und der Law School ein wenig Zeit gibst, Euch aneinander zu gewöhnen und dann nochmal in aller Ruhe darüber nachdenkst, über was Du Dich denn mal so (künstlich?) erregen könntest? Passt Dir vielleicht die Farbgestaltung der Mülleimer nicht so gut? Könnte das Toilettenpapier ruhig noch eine Schicht mehr haben?
Schließlich, vergib mir, sei noch auf Folgendes hingewiesen:
Der (in zweifacher Hinsicht: vermeintliche) Anglizismus „Bucerius Card“ muss von Dir selbst stammen – bisher hieß das Teil im Hochschuljargon „Multifunktionskarte“.
Der „Moot Court“ wird von Wikipedia mit „Gericht für fiktive Streitfälle“ übersetzt. Und? Wo hast Du heute Vorlesung? – Im… ähh… Gericht für fiktive Streitfälle.
21.11.07 at 17:29
Auch wenn verspätet, eine kleine Anmerkung von mir.
Es steht uns sicher nicht zu, die Namen unserer Sponsoren zu kritisieren, doch zeugt die Bezeichnung „Graf von Westphalen Lecture Room“ wirklich von Stil oder eher Spießigkeit? Studieren wir Law oder Rechtswissenschaften? Gibt es eine Notwendigkeit, gute deutsche Bezeichnungen durch englische Begriffe an einer deutschen Hochschule zu ersetzen? Ist eine der Auszeichnungen dt. Juristen nicht deren guter Gebrauch der deutschen Sprache? Ist Internationalität gleich Englischsprechen? Sicher gewöhnt man sich an Vieles, aber rechtfertigt das schlechte Zustände?
Ich habe eines festgestellt: Fast alle, die an den Anglizismen festhalten, haben in ihrem Leben wenig von wirklicher Internationalität mitbekommen. Diejenigen, die z.B. schon während ihrer Schulzeit im Ausland waren, wissen, dass man seine eigene Sprache auch ungezwungen verwenden kann und verstehen meist sogar die peinlichen, englischen Falschbezeichnungen (s. Food Court).
Letztens ist vielleicht auch anzumerken, dass sich ein großer Teil unserer Sponsoren (ich spreche vor allem von Partnern der Großkanzleien aber auch Unternehmerkreisen) über die Anglizismen unserer Schule sehr amüsieren. Von Juraprofessoren mal ganz abgesehen. Ein angemessener Gebrauch der deutschen Sprache zeugt von wahrer Qualität und würde, so bin ich sicher, dem Ruf unserer Hochschule gut tun.
21.11.07 at 19:53
F., du hast das irgendwie nicht verstanden, oder? Das sind keine Anglizismen. So schwer ist es wirklich nicht. Aber Hauptsache, einmal über den „angemessenen Gebrauch der deutschen Sprache“ gefachsimpelt zu haben.
Food Court kann man beim Blick über den altklugen Tellerrand hinaus auch als Wortspiel verstehen. Warte, wie könnte ich es meinen? Hm. Court bedeutet – warte, gleich hab ich es.
22.11.07 at 0:40
Also in Bezug auf den folgenden Blog-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Food-Court
23.11.07 at 16:18
Liebe Katharina,
kannst du auch mal über die Diskussionen zu Blogs bloggen? Find ich gut, geradezu basisdemokratisch. Die „The Greens with Vanity Case-Hochschulgruppe“ ist begeistert!
Aber mal im Ernst: die Frage warum all die Angliszismen sich bei uns wohl fühlen ist schnell beantwortet! Wir ziehen einen immensen Vorteil daraus, dass wir die einzige Jura-Hochschule mit Voll-englischsprachigem Programm in Deutschland sind. Es ist zwar nett, Kartharina, von aller Welt zu verlangen, dass sie deutsch lernen sollen bevor sie in den Austausch gehen, aber das ist unrealistisch. So passen wir uns einfach in diesem begrenzten Bereich unseres Lebens an den Rest der Welt an und laden sie ein zu Freunden. Hier werden sie verstanden, hier kommen sie zurecht – wie schön. DAS finde ich wichtig und DAHER ist jedes Schild mir recht, dass auch englisch geschrieben steht.
In diesem Sinne, Katharina, schau dich in diesem Herbst in den Gängen um, hör dem geradezu babylonischen Sprachgewirr zu und probier mal aus, wieviele Internationals bei Problemen so ganz intuitiv zum „akademischen Büro für Auslandsangelegenheiten“ gehen würden und wie viele so ganz spontan doch eher zum „International Office“ finden. :-)
In diesem Sinne wünsche ich jedem einen anglizistischen Herbst
23.11.07 at 20:06
Ok – ich ertrage es nicht mehr.
Anglizismen, verdammt, sind etwas anderes:
„Anglizismus, der, in eine andere Sprache übernommene englische Spracheigentümlichkeit“
(xipolis.net)
Ok? Beispiel:
„Facility Management“ – Englisch.
„Das macht Sinn“ – Anglizismus (richtig wäre: „Das ergibt Sinn“), aus dem englischen Sprachgebrauch übernommen von „that makes sense“.
23.11.07 at 20:30
Hallo E.,
hast du schon einmal einen Blick in die
größte Enzyklopädie der Welt geworfen? Die gibt dir nicht Recht.
N.C.
24.11.07 at 13:24
Die „größte Enzyklopädie der Welt“ (in der sich so wertvolle Artikel wie „Kaffeekanne“ befinden) wird ua von Leuten mitgestaltet, die aus unerfindlichen Gründen das Wort Fremdwort durch ein Fremdwort ersetzen. Mag es auch beeindruckend und gebildet klingen, richtiger wird das in inflationärer Häufigkeit gesungene alte Lied über die schlimmen, schlimmen Anglizismen auch nicht. Ein Experte auf dem Gebiet der Methodenlehre (kleiner Tipp: Er lehrt an unserer Hochschule) hat in seinem „Leitfaden zur Anfertigung einer Examensseminararbeit“ den Sinn des Zitierens damit erklärt, dass (sinngemäß, mir liegt der Leitfaden gerade nicht vor) der ständige Dialog Wissenschaft nur dann konstruktiv ist, wenn neuer wissenschaftlicher Arbeit stets alle verfügbaren Erkenntnisse zu Grunde liegen. Dass dies der Fall ist, wird durch sorgfältiges Zitieren gewährleistet.
Quizfrage: Warum wird die größte Enzyklopädie der Welt vor diesem Hintergrund nicht als zitierfähig erachtet? Kleiner Tipp: In der Lösung spielt das Wort „Zirkelschluss“ eine entscheidende Rolle.
Vergebt mir und schimpft mich respektlos vor der größten Enzyklopädie der Welt – der Duden gibt mir Recht: „Übertragung einer für das britische Englisch charakterischen Erscheinung auf eine nicht englische Sprache“.
Wer sich weiterbilden möchte, dem lege ich einen Artikel des Bewahrers guter Sprachkultur schlechthin ans Herz – Bastian Sick (SPIEGELonline):
„Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen übernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist. Eine Redewendung wie ‘Der frühe Vogel fängt den Wurm’ zum Beispiel ist ein Anglizismus. Sie entstand durch Übersetzung aus dem Englischen („The early bird catches the worm“) und kommt nun als scheinbar deutsche Weisheit daher. Die deutsche Entsprechung lautet nämlich ganz anders: ‘Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.’“
http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,443346,00.html
24.11.07 at 13:39
Als bekennender Bastian-Sick-Leser und Wikipedianer habe mal genauer hingeschaut: Am Wikpedia-Artikel arbeiten auch Sprachwissenschaftler mit, und die haben sich zu diesem Thema auch schon Gedanken gemacht. Bastian Sick hat Unrecht, so toll seine Bücher auch sind. Eigentlich schade, dass die zitierfähig sind und die Wikipedia nicht. Aber das ist jetzt zu sehr off-topic.
24.11.07 at 15:53
Vielleicht fehlt ja Bastian Sick genau wie mir die Einsicht in die Notwendigkeit etwas, was sich ganz einfach unter den Begriff „Fremdwort“ subsummieren lässt, mit einem weiteren Fremdwort zu überschreiben.
„Anglizismus“ hingegen ersetzt (in meinem Verständnis) die lange nicht so griffige „Übernahme einer Spracheigentümlichkeit aus dem Englischen in eine andere Sprache“.