Eine Rezension.
Vor einiger Zeit hat mir der Verlag squeaker.net ein Exemplar des “Insider-Dossiers” Karriere in der Großkanzlei zukommen lassen. Ich möchte daher endlich die Gelegenheit nutzen, auf das Buch hinzuweisen und natürlich meinen Senf abzugeben.
Die Autoren Behme und Nohlen sind offenbar Studenten oder Referendare, die mal in einer Großbude arbeiten wollen und dazu mit einer ganzen Reihe von Anwälten aus so ziemlich jeder großen Kanzlei in Deutschland darüber gesprochen haben, wie das geht. Gleichzeitig haben sie sich von diesen Anwälten gut zwei Drittel ihres Buchs schreiben lassen und ihnen Anzeigen im Buch verkauft – schlaue Sache.
Daher besteht das Werk aus zwei Teilen: Im ersten wird erklärt, wie eine Großkanzlei funktioniert, wie man sich bewirbt, wie man sich bei der Arbeit zu verhalten hat, und, sehr schick, “zielsichere Karriereplanung” betreibt.
Wie Großbuden so ticken, habe ich mittlerweile wirklich schon ausführlich genug gehört und bei einem Praktikum am eigenen Leib erlebt. Insofern decken sich meine Erfahrungen über weite Strecken mit dem Buch. Das Bewerbungskapitel ist sehr knapp; teilweise bin ich anderer Ansicht: Zum Beispiel glaube ich nicht, dass der Familienstand noch etwas in einem Lebenslauf für ein Praktikum zu suchen hat. Und Verhaltensregeln hat mir das Career Office schon eine ganze Menge mit auf den Weg gegeben – ich glaube nicht, dass mir die eingehende Lektüre des Buchs tatsächlich im Arbeitsalltag helfen würde. Und da ich mich nicht unbedingt auf eine Großkanzleikarriere festlegen möchte (“kommt das vb, kommt Rat”), fand ich gerade das Kapitel “Exit-Optionen” hochinteressant. Dummerweise hatte KPMG dieses Kapitel gepachtet, so dass es sich fast nur auf die Alternative “Tätigkeit als Unternehmensberater” beschränkte und mir also leider auch nicht weiterhelfen konnte.
Das Buch hat hier einen doch nicht unerheblichen Unterhaltungswert. Zwei Zitate:
Krawatten mit bunten Dollar-Zeichen zeugen auch im Finance-Bereich nicht unbedingt von gutem Geschmack. (“Das äußere Erscheinungsbild”, S. 99)
Sie möchten gern bei einem Online-Versandhandel 12 Flaschen spanischen Rotweins bestellen. Damit Sie ihn nicht am Wochenende bei der Post abholen und dann nach Hause schleppen müssen, fragen Sie an der Poststelle nach, ob Sie den Wein ausnahmsweise in die Kanzlei liefern lassen können. (“Sicheres und souveränes Auftreten gegenüber nicht-juristischem Personal”, S. 94)
Im zweiten Teil werden Beispiele der Tätigkeit in einer Großkanzlei von Anwälten verschiedener Kanzleien vorgestellt. Wer noch nie einen solchen Laden von innen gesehen hat und ernsthaft mit dem Gedanken einer solchen Karriere spielt, dem kann das Buch hier weiterhelfen. Denn es wird tatsächlich sehr plastisch geschildert, was die da eigentlich den ganzen Tag machen. Die Fallbeispiele heißen “Umstrukturierung einer Private-Equity-Investition”, “Structured Finance: Rechtsberatung bei einem Debt-Issuance-Programm” oder “Prozessführung im Kartellrecht”. So ganz aus dem Leben gegriffen stelle ich mir Kapitel wie “Gründung einer SE” nicht vor. Anderswo wird in einem Satz geschildert, wie man eine Woche lang an einer Replik zu einer Anfechtung eines Hauptversammlungsbeschlusses feilt und dann in einem ganzen Absatz erwähnt, wie man zur Eröffnung eines Windparks nach Mallorca eingeladen wird. Aber da das juristische täglich Brot in der Branche nun mal so weit weg ist von dem, was wir an der Hochschule den ganzen Tag machen, vielleicht ganz interessant. Stattdessen ist natürlich ein Praktikum empfehlenswerter…
Die letzten knapp einhundert Seiten sind mit Image-Anzeigen der achtzehn beteiligten Unternehmen gefüllt.
Fazit: Ein Studium an der BLS bringt es mit sich, dass man mehr über Großkanzleien erfährt, als einem lieb ist. Da braucht man nicht auch noch dieses Buch. Wer es jedoch mit Freshlinks, Noerrlutz und McOvery wirklich ernst meint, wird vielleicht einen Blick hineinwerfen wollen.
Mein geschenktes Exemplar stifte ich der Hengeler Mueller Bibliothek; es wird, sofern die Bibliothekare es haben wollen, demnächst wohl im Regal studium generale zu finden sein.
C. Behme und N. Nohlen:
Karriere in der Großkanzlei – Bewerbung, Einstieg und Aufstieg
Verlag squeaker.net, Köln 2009
ISBN 978-3-940456-066
395 S., 24,90 €
Interview mit den Autoren (via jurabilis!)
5.10.09 at 14:26
Dinge, die die Welt nicht braucht…
5.10.09 at 18:26
Da bleibt nur ein (un)qualifizierter Kommentar: Geil!
5.10.09 at 21:22
… Caspar B. – lustig, denn wir waren zusammen Praktikanten bei Mängeler Hüller. Das Praktikum war toll, aber deswegen schon ein Buch schreiben? Vor allem, da die beiden Autoren ja noch nicht mal als associates in einer Großkanzlei angelangt sind, sich aber trotzdem als Insider bezeichnen! Die Selbstvermartkung à la “so einen Fachbeitrag (!) schreibt man nicht mal nebenher” (Caspar B. über die Beiträge der first-year-associates auf refrendare.net) erscheint da allerdings notwendig und zwangsläufig. Denn jeder Student mit Internetzugang kann allein auf Plattformen wie e-fellows.net oder mithilfe der Großbuden -Hauspostille Juve wenigsten anscheinhaft objektivere, aber ebenso ausführliche Informationen finde.
6.10.09 at 10:47
“Vor allem, da die beiden Autoren ja noch nicht mal als associates in einer Großkanzlei angelangt sind, sich aber trotzdem als Insider bezeichnen!”
Kennst Du die beiden!? NEIN! Sonst hättest Du das nicht geschreiben!
6.10.09 at 15:06
… das geht aus dem (oben verlinkten) Interview der beiden auf refrendare.net hervor. Dort antwortet N. Nohlen auf die Frage, woher die Insider- Eigenschaft beruht: “Was uns Autoren betrifft, so haben wir beide mehrere Jahre als Praktikant, Wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Referendar in verschiedenen Großkanzleien verbracht und kennen daher den ‘Stallgeruch’.”
Mich würde die Beschreibung durch einen erfahrenen Anwalt oder das Bild eines Aussteigers weitaus mehr interessieren, als dass zweier Aspiranten, deren Informationsvorsprung ich für gering halte.
6.10.09 at 0:01
Ein “Insider”-Dossier, das von zwei Studenten geschrieben wurde, von denen man nicht weiß, ob sie überhaupt schon das erste Staatsexamen haben.
Das ist so, als würde ein Politik-Student aus dem 3. Semester ein Buch mit dem Titel “Die Weltpolitik – das Insider-Dossier” verfassen. Kann man so etwas ernst nehmen? Wohl kaum.
24.06.11 at 18:17
Öhm, als Referendare haben sie das erste Examen ja wohl geschafft.
6.10.09 at 13:13
(…) Mein geschenktes Exemplar stifte ich der Hengeler Mueller Bibliothek (…)
Möchte ich nicht, dankeschön! Unsere begrenzten Regalkapazitäten benötige ich dringend für qualitativ hochwertige juristische Literatur!
6.10.09 at 14:37
“Unsere begrenzten Regalkapazitäten benötige ich dringend für qualitativ hochwertige juristische Literatur!”
Dann sollten Sie auch gleich damit anfangen, die Bücher im Bereich Studium Generale auszusortieren. Die haben sehr wenig mit juristischer Literatur zu tun und werden nicht benutzt.
P.S. Ich rate Ihnen einen kurzen Blick in den Bibliothekskatalog zu werfen und mal “Bewerbung” als Suchbegriff zu verwenden! Sie werden verwundert sein, welches Buch Sie dort finden… ;)
6.10.09 at 14:53
Danke für den Tipp, mich wundert hier nichts mehr! Doch bitte werfen auch Sie einen kurzen Blick auf:
“Standort: Hochschulmanagement
Anmerkung: Abt. Resource Development”
Und DA gehört das Opus auch hin!
6.10.09 at 19:38
Ave, Bibliothecarius!
8.10.09 at 19:12
Meine Lieblingsschmöker:
Who is Who in der BRD und
(ja, tatsächlich) Good Bye Lenin!
17.11.09 at 12:45
[...] differenzierte Rezension findet man dann aber noch im buc.blog. Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass die Autoren nicht unbedingt neutral [...]