Dönhoff-Büste

„Da! Schon wieder!“ Meine reizende Komillitonin P. benimmt sich, als hätte sie die Bundeskanzlerin beim Nasepopeln erwischt. Dabei ist einfach nur ein Student in der Bibliothek an der Büste Marion Gräfin Dönhoffs verbeigelaufen und hat ihr im Vorübergehen freundlich in die bronzene Nase gekniffen. Das passiert jedoch inzwischen so oft, dass das wohlgeformte Riechorgan der Namensgeberin unseres ehemaligen Kleingruppenarbeitsraums schon einen leicht messingfarbenen Schimmer angenommen hat. Warum machen die das? Nun, da muss man weit ausholen. Genauer gesagt beginnt die Geschichte von der goldenen Nase der Gräfin im späten dreizehnten Jahrhundert. Damals schuf nämlich der italienische Bildhauer Arnolfo di Cambio eine Statue für den Petersdom in Rom, die den ersten Bischof der ewigen Stadt in einem Stuhl sitzend darstellt. Di Cambio stellte sich den Kirchenvater als bequemen bärtigen Mann vor, seinen rechten Fuß streckt der heiligen Petrus so weit aus, dass die Sandale etwas über den Sockel der Statue hinausragt. Es wurde bald Tradition unter den Pilgern, den Fuß des Heiligen, zu dessen Grabesstätte man ja schließlich gewallfahrtet war, zu küssen oder wenigstens zu berühren. Natürlich versprach man sich davon die tollsten Dinge. Das ist heute noch so, doch inzwischen musste die heilige Extremität mehr als einmal ersetzt werden, so sehr wurde sie von den heilsuchenden Händen Millionen Gläubiger abgenutzt.

Petrus

Gewissermaßen schwant Gräfin Dönhoff das Gleiche. Wer Jura studiert, braucht den Segen Gottes. Oder Glück. Oder einfach nur ein Ritual, das ihm seelischen Halt gibt. Bleibt zu hoffen, dass die Büste nicht unter eine schonende Glashaube kommt. Die Gräfin selbst hatte nämlich angeblich Humor. Und sie hätte sich sicherlich gefreut wie eine Schneekönigin, hätte sie gewusst, dass unsere Hochschule sie nicht einfach nur mit einer langsam verstaubenden Büste ehrt, sondern sie darüber hinaus für viele Studenten Teil eines täglichen Rituals geworden ist.

N.C.

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