Viele von uns haben sicher die Bücher von Bastian Sick gelesen. Wir wissen, dass es nicht Sinn machen, sondern Sinn haben heißt und wir zucken immer wieder zusammen, wenn Kommilitonen, Profs und Wissmits mit dieser Floskel um sich werfen. Wir finden es doof, dass die BLS einen Facility Manager hat, der nicht zumindest auch Hausmeister heißt. Wir vermeiden die falsche Verwendung des Apostroph’s. Und wir wissen, dass man keine Deppen leer Zeichen setzen darf, sondern dass das auch Durchkopplung genannte Bindestriche-Setzen richtig ist.

Kurz: Viele von uns sind Liebhaber der deutschen Sprache und ihrer richtigen Verwendung. Das ist unter Juristen ganz normal, wir beschäftigen uns ja den ganzen Tag mit ihr.

Auf der anderen Seite wirft man uns Juristen aber vor, die deutsche Sprache gerade besonders zu verunstalten. Juristendeutsch ist ein Allgemeinplatz. Natürlich weist buc.blog diese Anschuldigung weit von sich: In juristischen Texten kommt es nun mal auf eine besonders präzise Ausdrucksweise an, und komplizierte Sachverhalte lassen sich mitunter nicht in völlig allgemeinverständlichen Sätzen ausdrücken.

Zugegeben, in unserem Fach gibt es eine weite Verbreitung der Unart des Schreibens im Nominalstil. Ja, wir benutzen, und das nicht gerade selten und ohne es selbst zu merken lange, ausschweifende Sätze mit vielen Kommata da, wo man auch mal einen Punkt, der den Satz aufteilte, setzen könnte. Und leider, leider war es ein Jurist, der sich das Wort Rindfleischettikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz ausgedacht hat.

All das wäre einen Artikel in diesem Blog (Netztagebuch?) sicherlich einen Artikel wert. Hier wollen wir uns jedoch einfach einmal drei sprachliche Murkser herauspicken und sie untersuchen.

1. „Verböserung“

Lobenswert, dass sich die Verwaltungswissenschaft einen deutschen Begriff für das lateinische reformatio in peius ausgedacht hat. Aber warum denn „Verböserung“? Warum nicht einfach „Verschlechterung“? Verböserung klingt nach Kindern, die im Sandkasten streiten („Der Kevin-Luis bist noch viel böserer wie die Yvonne-Melinda!“) Nur zur Sicherheit habe ich mal im Duden und im Wahrig nachgeschaut. Das Wort gibt’s offiziell nicht, nur in der Fachsprache. Hufen verwendet den Ausdruck in seinem Lehrbuch nur da, wo er die Kritik an der r.i.p. darstellt. Recht so: Wenn es ein passendes deutsches Wort gibt, sollte man nicht das Rad neu erfinden, sondern einfach Verschlechterung sagen.

2. „Früchte des vergifteten Baums“

Man mag ja von der fruit of the poisonous tree doctrine halten, was man will. Aber wenn man über sie berichten will und das lobenswerterweise auf Deutsch tut, sollte man sich wenigstens um eine richtige Übersetzung bemühen. Immerhin haben die meisten Lehrbuchautoren (nicht alle!) die Sache mit dem Plural erkannt. Wenn es sich, wie behauptet wird, um ein Bibelzitat handelt, könnten wir ja jemanden fragen, wie man es übersetzt. Dass das nicht stimmt, sei aus mehreren Gründen belegt: An allen Ecken verwendet die Bibel Metaphern mit einem Baum und seinen Früchten, aber von Gift ist nirgendwo die Rede. Da gibt es die berühmte forbidden fruit (verbotene Frucht) in Genesis 3: Hier geht es um verbotenen Erkenntnisgewinn, aber am Baum selbst ist nichts verwerfliches zu finden, er steht sogar in der Mitte des Paradieses. Und die evil fruit (schlechte Frucht) in Matthäus 7, die angeblich gemeint ist, passt nun wirklich nicht zur strafrechtlichen Doktrin. Interessantes Detail: Der Richter Felix Frankfurter, von dem der Begriff stammt, war Jude. Stehender Begriff hin oder her: Der Baum ist giftig, nicht vergiftet.

3. „formaliter“

Nein, man braucht schon lange kein Latinum mehr, um Jura studieren zu dürfen. Viele finden aber immer noch, so ein bisschen Latein sei „nice to have“ und im Dschungel der conditio sine qua, dolo agit, ius est vigilantibus, non calculat und longa consuetudo ist man mit ansatzweisen Kenntnissen dieser toten Sprache wirklich manchmal besser unterwegs. So einen lateinischen (oder französischen, siehe „effet utile“) Ausdruck merkt man sich einfach leichter. Aber: Muss man lateinische Grammatik in der deutschen Sprache bemühen? Sätze wie „Formaliter ist hier § 417 anzuwenden, mit § 512 analog ist man idealiter aber auf dem besseren Weg, wenn man den Anspruch prozessualiter durchsetzen will.“ Das Deutsche gehört zu den Sprachen, die keine Adverbialsuffixe wie das „-iter“ des Lateinischen kennen. Auch wenn man das im Englischen („-ly“) auch so macht, sagt niemand: „Könnten sie langsamly sprechen?“ sondern ganz einfach: formal, ideal, prozessual. Und nicht inzidenter, sondern inzident.

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