Oktober 2009


Die Juristerei ist eine Geisteswissenschaft. Soweit, so gut. Aber mir ist schon lange klar, dass Literatur-, Sprach- und Gesellschaftswissenschaftler mit uns nun wirklich nichts zu tun haben wollen. Damit geht es uns ähnlich wie der „Hilfswissenschaft“ Mathematik bei den Naturwissenschaften.

Was ist das Problem? Nun, ein Jurist hat die Aufgabe, ein Gesetz zu verstehen. Aber wer schreibt die Gesetze? Oh,  stimmt ja, das machen auch Juristen. Eine Wissenschaft, die sich ihren Forschungsgegenstand selbst erschaffen hat – eine nicht gerade ruhmreiche Einsicht.

Also, es geht darum, Gesetze auslegen zu können. Das weiß aber keiner. Neben dem Vorurteil, dass man das halbe Jurastudium damit verbringt, Paragraphen auswendig zu lernen, ist auch die Ansicht sehr verbreitet, man müsse fundierte Kentnisse der lateinischen Sprache mitbringen. Zwar gibt es ein paar unabdingbare Sprüche, die man ab und zu fallen lassen muss, aber die hat jeder schnell auf dem Kasten. Was muss man also wirklich lernen? Definitionen, und, darum geht es ja eigentlich, die Systematik hinter dem Ganzen.

Gar nicht so einfach. Wie gut, dass es schon ein paar Generationen von Jurastudenten vor mir gab, die sich Mittel und Wege ausgedacht haben, jede Menge „System“ ins Gehirn zu kloppen. Dabei sind eine Reihe schöner Merksätze und Eselsbrücken entstanden. Die meisten sind einfach nur hirnentleert, andere dazu auch noch leicht anzüglich:

  1. Den ersten Merksatz lernt man schon in der allerersten BGB-Kleingruppe: „Wer will was von wem woraus?“ – Danach vergisst man nie wieder die vier Bestandteile eines zivilrechtlichen Obersatzes.
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  2. Wer den folgenden Merksatz kennt, muss nie wieder grübeln, was im Zivil- und Strafrecht unter einer Verfügung zu verstehen ist:
    Nach der Hochzeitsfeier hebt der Bräutigam die Braut auf, trägt sie über die Schwelle, worauf diese im Bett von ihm belastet und – wer weiß? – vielleicht sogar inhaltlich verändert wird.

    Und genau das tun Verfügungen mit Rechten auch: Aufheben, übertragen, belasten und inhaltlich verändern.
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  3. Wann gilt im BGB die eigenübliche Sorgfalt (§ 277 BGB)? Das beantwortet die folgende Sentenz:
    Der Vater begattet die Gesellschafterin, die den Vorerben unentgeltlich verwahrt.
    Die Haftungserleichterung genießen also Eltern (§ 1664 I), Ehegatten (§ 1359), BGB-Gesellschafter (§ 708), Vorerben (§ 2131), und unentgeltliche Verwahrer (§ 690).
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  4. Sehr beliebt ist auf die Definition des Verwaltungsaktsklassischen Grundrechtseingriffs, der streng nach der Formel „FURZ“ natürlich finales, unmittelbares hoheitliches Handeln mit Rechtswirkung nach außen und Durchsetzbarkeit mit Zwang voraussetzt. Steht aber auch alles in § 3035 VwVfG.
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  5. Nach der Formel „SPAUZ“ sind die Beweismittel im Zivilprozess natürlich das Sachverständigengutachten, die Parteivernehmung, der Augenschein, die Urkunde und der Zeuge.
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  6. Und, die italophile Ausrichtung dieses Blogs wird mittlerweile kein Geheimnis mehr sein, die Grundprinzipien des Sachenrechts sind natürlich in der PASTA zu finden: Publizität, Absolutheit, Spezialität, Typenzwang (a.A.: Trennung), Abstraktion.

Welche juristischen Merksätze und Eselsbrücken fehlen hier?

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RCDS, Jusos, LHG, Grüne Hochschulgruppe, SDS, DIE PARTEI – seit heute sind auch die Piraten mit einer eigenen, von der Studierendenschaft mitfinanzierten Gruppe an der Hochschule vertreten. Es spricht für sich, dass die Partei zwar eine Jugendorganisation hat, diese aber tatsächlich nur für nicht volljährige Sympathisanten gedacht ist.

Eine Rezension.

Vor einiger Zeit hat mir der Verlag squeaker.net ein Exemplar des „Insider-Dossiers“ Karriere in der Großkanzlei zukommen lassen. Ich möchte daher endlich die Gelegenheit nutzen, auf das Buch hinzuweisen und natürlich meinen Senf abzugeben.

Die Autoren Behme und Nohlen sind offenbar Studenten oder Referendare, die mal in einer Großbude arbeiten wollen und dazu mit einer ganzen Reihe von Anwälten aus so ziemlich jeder großen Kanzlei in Deutschland darüber gesprochen haben, wie das geht. Gleichzeitig haben sie sich von diesen Anwälten gut zwei Drittel ihres Buchs schreiben lassen und ihnen Anzeigen im Buch verkauft – schlaue Sache.

Daher besteht das Werk aus zwei Teilen: Im ersten wird erklärt, wie eine Großkanzlei funktioniert, wie man sich bewirbt, wie man sich bei der Arbeit zu verhalten hat, und, sehr schick, „zielsichere Karriereplanung“ betreibt.

Wie Großbuden so ticken, habe ich mittlerweile wirklich schon ausführlich genug gehört und bei einem Praktikum am eigenen Leib erlebt. Insofern decken sich meine Erfahrungen über weite Strecken mit dem Buch. Das Bewerbungskapitel ist sehr knapp; teilweise bin ich anderer Ansicht: Zum Beispiel glaube ich nicht, dass der Familienstand noch etwas in einem Lebenslauf für ein Praktikum zu suchen hat. Und Verhaltensregeln hat mir das Career Office schon eine ganze Menge mit auf den Weg gegeben – ich glaube nicht, dass mir die eingehende Lektüre des Buchs tatsächlich im Arbeitsalltag helfen würde. Und da ich mich nicht unbedingt auf eine Großkanzleikarriere festlegen möchte („kommt das vb, kommt Rat“), fand ich gerade das Kapitel „Exit-Optionen“ hochinteressant. Dummerweise hatte KPMG dieses Kapitel gepachtet, so dass es sich fast nur auf die Alternative „Tätigkeit als Unternehmensberater“ beschränkte und mir also leider auch nicht weiterhelfen konnte.

Das Buch hat hier einen doch nicht unerheblichen Unterhaltungswert. Zwei Zitate:

Krawatten mit bunten Dollar-Zeichen zeugen auch im Finance-Bereich nicht unbedingt von gutem Geschmack. („Das äußere Erscheinungsbild“, S. 99)

Sie möchten gern bei einem Online-Versandhandel 12 Flaschen spanischen Rotweins bestellen. Damit Sie ihn nicht am Wochenende bei der Post abholen und dann nach Hause schleppen müssen, fragen Sie an der Poststelle nach, ob Sie den Wein ausnahmsweise in die Kanzlei liefern lassen können. („Sicheres und souveränes Auftreten gegenüber nicht-juristischem Personal“, S. 94)

Im zweiten Teil werden Beispiele der Tätigkeit in einer Großkanzlei von Anwälten verschiedener Kanzleien vorgestellt. Wer noch nie einen solchen Laden von innen gesehen hat und ernsthaft mit dem Gedanken einer solchen Karriere spielt, dem kann das Buch hier weiterhelfen. Denn es wird tatsächlich sehr plastisch geschildert, was die da eigentlich den ganzen Tag machen. Die Fallbeispiele heißen „Umstrukturierung einer Private-Equity-Investition“, „Structured Finance: Rechtsberatung bei einem Debt-Issuance-Programm“ oder „Prozessführung im Kartellrecht“. So ganz aus dem Leben gegriffen stelle ich mir Kapitel wie „Gründung einer SE“ nicht vor. Anderswo wird in einem Satz geschildert, wie man eine Woche lang an einer Replik zu einer Anfechtung eines Hauptversammlungsbeschlusses feilt und dann in einem ganzen Absatz erwähnt, wie man zur Eröffnung eines Windparks nach Mallorca eingeladen wird. Aber da das juristische täglich Brot in der Branche nun mal so weit weg ist von dem, was wir an der Hochschule den ganzen Tag machen, vielleicht ganz interessant. Stattdessen ist natürlich ein Praktikum empfehlenswerter…

Die letzten knapp einhundert Seiten sind mit Image-Anzeigen der achtzehn beteiligten Unternehmen gefüllt.

Fazit: Ein Studium an der BLS bringt es mit sich, dass man mehr über Großkanzleien erfährt, als einem lieb ist. Da braucht man nicht auch noch dieses Buch. Wer es jedoch mit Freshlinks, Noerrlutz und McOvery wirklich ernst meint, wird vielleicht einen Blick hineinwerfen wollen.

Mein geschenktes Exemplar stifte ich der Hengeler Mueller Bibliothek; es wird, sofern die Bibliothekare es haben wollen, demnächst wohl im Regal studium generale zu finden sein.

C. Behme und N. Nohlen:
Karriere in der Großkanzlei – Bewerbung, Einstieg und Aufstieg
Verlag squeaker.net, Köln 2009
ISBN 978-3-940456-066
395 S., 24,90 €

Eigenlob bei academicworld

Rezension bei viajura

Interview mit den Autoren (via jurabilis!)

Am kommenden Freitag, 9. Oktober, sprechen P. Bernt Hugenholtz (Uni Amsterdam) und Dana Beldiman (U.C. Hastings) zum Thema

Copyright Piracy on the Internet:
Litigate, Legalize, License or Laissez-Faire.

Es verspricht interessant zu werden („95 Jahre Schutzdauer ist zuviel“). Danach gibt es eine Diskussion und einen kleinen Imbiss. Man kann also quasi gleich in die anschließende Hochschulparty reinfeiern…

Anmeldeformular für Externe.

Nach den erneuten Ausfällen der vergangenen Woche, nachdem ich mal wieder Ewigkeiten damit zubrachte, mich für einzelne Veranstaltungen anzumelden und nachdem mir ein 2009er erzählt hatte, dass auch seinem Jahrgang versprochen worden war, dass es „bald“ ein neues Intranet gebe, wollte ich zunächst einen kleinen Beitrag schreiben, um auf die Verbesserungen hinzuweisen, die es in den vergangenen Monaten gegeben hat (!), aber auch daran zu erinnern, dass es im Bereich IT noch eine ganze Reihe von Dingen zu verbessern gilt. Ich plante den Satz „Anderswo klappt es ja auch.“

Dann las ich diesen Zeitungsartikel.

Bei uns finden die Vorlesungen wenigstens auch dann statt,
wenn das Intranet mal wieder ausfällt.

Der Arbeitsrechtler Gerrick von Hoyningen-Huene, gerade an der Uni Heidelberg emeritiert, wird Dean der law school der ebs (buc.blog berichtete). Ende August war bereits das Kuratorium zusammengestellt worden. Damit hat die neue Hochschule Rückhalt aus Politik, Wirtschaft (mehrere Kanzleien sitzen im Kuratorium) und aus der Forschung – ein zahlungskräftiger und -williger Geldgeber fehlt jedoch noch.

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